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Wir sind hier verwurzelt

Marianne und Christian Wieser ziehen von Wallerstädten in einen Neubau am Groß-Gerauer Europaring

GROSS-GERAU. Vor den neuen Häusern der Baugenossenschaft Ried am Europaring stehen seit Mitte Dezember die Möbelwagen in Reih und Glied: Der Großteil der 125 dort errichteten Wohnungen ist bezugsfertig. Viele der neuen Mieter haben ihr erstes Weihnachtsfest bereits in der neuen Umgebung verbracht. Doch für die meisten von ihnen waren es arbeitsreiche Festtage. Noch warten viele Kisten darauf, dass ihr Inhalt seinen entsprechenden Platz findet, fehlen letzte Möbelstücke. Und einige Mieter, so war zu hören, verbrachten die Christnacht auf dem Luftbett.

Zu jenen, die ein neues Zuhause am Europaring fanden, gehört das Ehepaar Marianne und Christian Wieser. Sie haben ihr Haus und den großen Garten an der langen Hecke in Wallerstädten, in dem sie 32 Jahre ihres Lebens verbrachten, aus Altersgründen aufgegeben. Leicht hätten sie ihren Lebensabend im warmen Süden genießen können, doch das wollten beide nicht. „Wir sind hier verwurzelt“, sagte Christian Wieser. Kein Wunder: Seit vielen Jahren ist der CDU-Mann in der Kommunalpolitik tätig, in der letzten Legislaturperiode sogar als Stadtverordneten-Vorsteher. Nur wenige Stimmen fehlten seiner Partei 2016 und er wäre es heute noch.

„Wenn wir durch die Stadt gehen, haben wir viele Hände zu schütteln. Die Menschen begegnen einem so freundlich, das gibt man nicht so schnell auf“, sagen die Wiesers. Doch das große Haus und der ebenso große Garten, dazu die Politik, kosteten viel Kraft. Längst gehen die drei Kinder ihre eigenen Wege und stehen auf festen Beinen. Zuletzt wurden die Eltern im Haus gepflegt.

„Nun ist es an der Zeit, dass wir mehr an uns selbst denken, wir wollen möglichst viel reisen, auch mit dem Schiff“ sinniert der 75-Jährige. Doch bisher fuhr immer die Sorge mit, wer sich in ihrer Abwesenheit um Haus und Garten kümmert.

Das hat sich mit dem Projekt der Baugenossenschaft Ried am Europaring geändert. Marianneund Christian Wieser fandenein Penthaus mit 150 Quadratmeter Wohnfläche einschließlich einer Terrasse,die die Wohnungin drei Himmelsrichtungen umschließt. Bei klarem Wetter sind die Weinberge bei Nierstein zu sehen, der Blick schweift über die Stadt bis zur Frankfurter Hochhaus-Silhouette. In der Silvesternacht werden beide mit einem Glas Sekt das Feuerwerk in seiner ganzen Pracht von ihrer Terrasse aus genießen können.

Nun gehören die Wiesers sicherlich zu den prominenteren Mietern. Doch die Baugenossenschaft Ried sowie die Stadt haben auch daran gedacht, die Wohnungsnot mit ihrem Projekt im Europaring wieder ein Stück zu mildern. Insgesamtwurden in den fünf Blöcken 125 Wohnungen zwischen 67 und 157 Quadratmeternerrichtet. 35 Wohnungen davon wurden öffentlich gefördert, darunter miteinem Zuschuss in Höhe von 350.000 Euro durch die Stadt.

Sozialwohnungen also, für welche der Stadt ein Belegungsrecht eingeräumt worden ist. Damit wird eine sozialbunt gemischte Gemeinschaft künftig im Projekt „Wohnen am Park“, wie von der Ried beworben, ihr Zuhause finden. Über 300 Personen werden es nach den Worten von Ried-Vorstandssprecher Jürgen Unger sein, wenn im März die letzten Mieter eingezogen sind.

Doch angesichts der Wohnungsnot, die wie überall im Ballungsraum auch in Groß-Gerau herrscht, ist dies nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Zwischen 500 und 700 Familien oder Singles wird ihre Zahl allein in der Stadt geschätzt. Und Groß-Gerau gehört zur Zuzugsregion, die Einwohnerzahl hat die Grenze von 25000 längst überschritten. Auf jede Wohnung, die die Baugenossenschaft im Internet ausschreibt, gehen mehr als 50 Bewerbungen ein, sagt Jürgen Unger. Sicher sind dabei viele Dubletten, wieman bei der Ried weiß. Doch Weihnachten in einer neuen Wohnung  – für viele ist dies auch 2019 ein Traum geblieben.

Von Peter Mikolajczyk

 

Ihr großes Haus mit Garten in Wallerstädten haben Marianne und Christian Wieser aus Altersgründen gegen eine Terrassenwohnung getauscht. Foto: Vollformat/Marc Schüler

Ihr großes Haus mit Garten in Wallerstädten haben Marianne und Christian Wieser aus Altersgründen gegen eine Terrassenwohnung getauscht. Foto: Vollformat/Marc Schüler